In Zeiten von Corona und danach: Immunsystem stärken

Das Immunsystem (von lateinisch immunis = rein, frei, unberührt) ist ein biologisches Abwehrsystem von höheren Lebewesen. Es erkennt Krankheitserreger und wehrt sie weitestgehend ab. Sollten körpereigene Zellen durch einen Krankheitserreger (Virus, Bakterium, Pilz) schon befallen und/oder beschädigt sein, zerstört das Immunsystem auch diese Zellen. Daher benötigt der Körper für eine Immunabwehr Energie. Grundsätzlich funktioniert das Immunsystem auch gegen bislang vollkommen fremde Krankheitserreger wie etwa die seit 2020 grassierenden SARS-CoV-2-Viren, nur nicht immer ausreichend effizient.

Was ist das Immunsystem?

Das Immunsystem müssen wir uns als komplexes Netzwerk von Molekülen, Zelltypen und auch Organen vorstellen, die gemeinsam auf einen gesunden Organismus achten. Dieser ist mit lebenswichtigen Mikroorganismen wie den Darmbakterien besiedelt. Wenn aber fremde und gefährliche Erreger eindringen, erkennt und bekämpft diese ein gesundes Immunsystem. Selbst körpereigene Zellen könnten zur Gefahr für den Organismus werden, wenn sie krankhaft entarten. Diese versucht das Immunsystem ebenfalls zu bekämpfen.

Angeborene und erworbene Immunantwort

Die angeborene, unspezifische Immunantwort entwickelte sich früh in der Entwicklungsgeschichte der Lebewesen und hat sich kaum verändert. Es handelt sich um physiologische und anatomische Barrieren, die allein durch ihre Konstruktion das Eindringen fremdartiger Mikroorganismen verhindern. So löst das Eindringen von Schmutz in eine Wunde eine entzündliche Reaktion aus, die den Schmutz auseitern lässt. Das geschieht sehr schnell, die erste Immunantwort setzt schon innerhalb von Minuten ein und dauert bekanntermaßen insgesamt nur wenige Tage. Gegen viele ständig vorhandene Bedrohungen – Schmutz auf offenen Wunden, aber auch ständig vorhandene Bakterien, Viren und Pilze – genügt diese Immunantwort meistens. Darüber hinaus entwickeln höhere Lebewesen auch eine spezifische bzw. adaptive Immunabwehr, das sogenannte „erworbene Immunsystem“. Diese Abwehr reagiert prinzipiell auf neue Krankheitserreger, allerdings nicht immer ausreichend. Die adaptive Immunantwort ist aber grundsätzlich anpassungsfähig gegenüber neuen bzw. mutierten Krankheitserregern. Sie erkennt spezifische Strukturen der Angreifer und bildet dagegen gezielt zelluläre Abwehrmechanismen aus. Verantwortlich sind dafür unter anderem die T- und die B-Lymphozyten. Sie lernen während der spezifischen Immunantwort den Angreifer kennen und merken sich die adäquate Abwehr. Daher sind höhere Lebewesen nach einer überstandenen, abgewehrten Infektion durch einen neuen Erreger zunächst oder auch lebenslang gegen diesen immun. Wie lange die Immunität anhält, hängt von körpereigenen Prozessen und von der Mutationsfähigkeit des Angreifers ab. Influenzaviren etwa mutieren im Jahrestakt. Dennoch schafft es ein gesundes Immunsystem für gewöhnlich, auch der mutierten Variante zu widerstehen – nötigenfalls während des mehrtägigen Prozesses einer Grippeerkrankung, die nichts anderes als der Ausdruck der Immunantwort ist. Die Abwehr lässt sich durch eine Impfung unterstützen. Hierbei erhält der Organismus (Mensch) eine abgeschwächte Form des Erregers injiziert, gegen die der Körper relativ gefahrlos die spezifische Immunantwort ausbilden kann. Auch gegen völlig neue Erreger wie das gegenwärtige Coronavirus (SARS-CoV-2 ist eines von mindestens fünf in Deutschland zirkulierenden Coronaviren) versucht der menschliche Organismus eine spezifische Immunantwort zu entwickeln. Dass das gelingt, zeigen die Fälle der glimpflich überstandenen Coronainfektionen.

Immunsystem stärken

Warum und wie lässt sich ein Immunsystem stärken? Die Frage nach dem Warum ist durchaus interessant. Nun, das funktionierende Immunsystem benötigt intakte Zellen und einen gut funktionierenden Gesamtorganismus. Die Zellen benötigen Vitamine und Enzyme zur Initiierung und Steuerung biochemischer Prozesse während der Immunantwort, zusätzlich benötigen sie Mineralien und Spurenelemente zur Konstruktion von Abwehrzellen. Der Körper braucht Energie, also ein gesundes Herz-Kreislauf-System. Er muss insgesamt stark für eine adäquate Immunantwort sein. Diese findet auf verschiedenen Ebenen statt: Zunächst versucht der Organismus, das Eindringen der gefährlichen Erreger zu verhindern. Wenn das nicht gelingt, versucht er sie auf zellulärer Ebene außer Gefecht zu setzen, indem er ihre Hüllen oder auch Zellkerne angreift. Sinnvoll ist es natürlich, wenn schon die äußere Barriere das Eindringen verhindert. Das Beispiel der (angeborenen) Immunantwort auf Schmutz in einer Wunde veranschaulicht das sehr gut: Am besten ist es natürlich, wenn der Schmutz erst gar nicht mit dem Blutkreislauf in Berührung kommt. Daher verhindert die äußere Hautschicht in einem gewissen Umfang Verletzungen. Wenn diese dennoch stattfinden, gerinnt an dieser Stelle schnell das Blut und verschließt damit die Wunde. Damit wirkt zunächst eine anatomische Barriere (Hornhaut), danach eine physiologische Barriere (Blutgerinnung). Erst wenn diese Barrieren nicht genügen, setzt die Auseiterung ein. Beim Eindringen von Bakterien, Viren und Pilzen wirken ebenfalls mehrere Barrieren. Diese können wir gezielt durch folgende Maßnahmen unterstützen:

  • #1 Ernährung: Der Körper benötigt für sein gut funktionierendes Immunsystem unbedingt die Vitamine A, B6, B12, C, D und E, des Weiteren sekundäre Pflanzenstoffe, Eisen, Zink, Selen, Magnesium, Kalzium, Kalium, Kupfer und noch weitere Spurenelemente. Der Darm muss gesund sein, was durch eine ballaststoffreiche Kost gelingt. Lebensmittel sollten nicht durch Pestizide belastet sein, deren Spuren der Organismus bekämpfen müsste. Diese Kraft fehlt ihm dann bei der Immunantwort. Daher sind Biolebensmittel zu empfehlen. Gesunde Lebensmittel sind unter anderem Brokkoli, Obst und Gemüse inklusive der Zitrusfrüchte (Vitamin C), Kohl, Knoblauch, Nüsse und Spinat. Auch tierische Produkte liefern in einem gewissen Umfang wichtige Mineralien und Vitamine. Veganer und Vegetarier sollten gegebenenfalls Vitamin B12 supplementieren, weil es in rein pflanzlicher Kost zu wenig vorkommt. Superfoods (Mangostan, Chiasamen & Co.) sind durchaus nützlich, aber kein Allheilmittel. Unsere einheimischen Lebensmittel liefern im Grunde alle Nährstoffe, Vitamine und Enzyme, die wir brauchen – wenn wir uns ausgewogen ernähren.
  • #2 Sonne für die Bildung von Vitamin D: Dieses Vitamin gilt als besonders wichtig für die intakte Immunabwehr und wird durch UV-Licht gebildet. Es ist in der Nahrung vorhanden (unter anderem in fetthaltigem Fisch), braucht aber die Sonne (oder ähnliches UV-Licht), um von unseren Zellen aufgenommen zu werden. Sollte tatsächlich ein Vitamin-D-Mangel bestehen, lässt sich mit Präparaten oder auch mit der Infrarotsauna nachhelfen.
  • #3 Bewegung für das Herz-Kreislauf-System: Wie oben dargestellt brauchen wir einen gesunden, starken Organismus für die adäquate Immunantwort. Durch mäßige Bewegung stärken wir ihn. Wichtig ist dabei, die Bewegung dem eigenen Vermögen (gesundheits- und altersabhängig) anzupassen. Es ist ausdrücklich nicht sinnvoll, nach dem 40. Lebensjahr bestimmte sportliche Leistungen wie die Zeit beim Sprint noch verbessern zu wollen. Allenfalls Ausdauerleistungen lassen sich bis über das 60. Lebensjahr hinaus noch etwas ausweiten. Schwimmen, Laufen und Radfahren sind aber in jedem Alter und in angemessenem Umfang gesund. Ein moderater Workout reizt auf sanfte Weise das Immunsystem, das sich dadurch entwickelt.
  • #4 Open-Window-Phänomen vermeiden: Dieses Phänomen meint, dass es nach starker körperlicher Anstrengung ein „offenes Fenster“ für den Einfall von Krankheitserregern gibt. Während der starken Belastung steigt im Blut die Zahl von Abwehrzellen stark an, danach sinkt sie sehr stark. In diesem Moment müssen wir uns dementsprechend gut schützen – oder die allzu starke Anstrengung ganz vermeiden. Das hängt vom Lebensalter und der persönlichen Fitness ab, wie unter #3 beschrieben.
  • #5 Stress vermeiden: Stress schwächt die Immunantwort. Das hängt mit der Funktion der körpereigenen Hormone zusammen, die durch Stress durcheinandergeraten, aber auch für die funktionierende Immunantwort gebraucht werden, weil sie an der Steuerung zellulärer Prozesse beteiligt sind. Sicherlich haben Sie schon einmal bemerkt, dass Ihnen unter Stress die Nase läuft oder dass Sie bei einer gewissen Entspannung – der Stress fällt urplötzlich ab – heftig niesen. Diese Phänomene verweisen auf den engen Zusammenhang von Stress, Infektionsanfälligkeit und Immunantwort. Der Zusammenhang ist sehr komplex, aber inzwischen relativ gut erforscht. Auch Stress lässt sich durch körperliche Aktivität abbauen. Daher ist ein wenig Sport im Freien so wertvoll: Die Bewegung an der frischen Luft und bei hellem Licht fördert die Vitamin-D-Bildung, lindert Stress durch die Ausschüttung von lichtbasierten Hormonen wie Serotonin und stärkt außerdem das Herz-Kreislauf-System. Eine bessere Medizin gibt es kaum.
  • #6 Flüssigkeitszufuhr: Zu wenig Flüssigkeit trocknet die Schleimhäute aus, die eine der Barrieren gegen fremde Erreger sind. Außerdem wird der Kreislauf durch den Flüssigkeitsmangel unnötig belastet. Daher empfiehlt man bei normalem Wetter mindestens zwei Liter Flüssigkeit pro Tag, an heißen Tagen mindestens drei Liter. Wenn wir uns viel bewegen, darf es noch etwas mehr sein. Die Getränke sollten ungesüßt sein. Sehr wertvoll ist grüner Tee mit seinen Antioxidantien, die Freie Radikale bekämpfen.
  • #7 Schlaf: Zu wenig Schlaf führt zu mehr Stress. Schlafmangel reduziert auch an sich die Zahl unserer Abwehrzellen, was das Immunsystem eindeutig schwächt.
  • #8 Nikotin und Alkohol vermeiden: Raucher leben durch ihren extrem belasteten Kreislauf und die vielen Schadstoffe sehr ungesund. Zu Zeiten der (gegenwärtigen) Corona-Pandemie zählen sie zu den Risikogruppen. Die Immunabwehr wird durch die austrocknenden Schleimhäute geschwächt, außerdem fördert der Tabakrauch die Entzündungsprozesse. Alkohol belastet den Körper ebenfalls. Es gibt zwar sehr gute Rotweine mit einem gewissen positiven Effekt auf das kardiovaskuläre System, doch diese sollte man absolut in Maßen genießen – höchstens ein (kleines) Glas am Tag!
  • #9 Händewaschen: Nicht erst seit der Corona-Pandemie wird immer wieder das Händewaschen empfohlen. Damit schützen wir die äußerste Barriere – unsere Haut – vor den Erregern. Die Immunabwehr wird daher mit weniger Erregern konfrontiert und muss weniger arbeiten.

Die erste Reaktion unseres Immunsystems auf Corona

Wie schon vorn beschrieben bekämpft unser Immunsystem das Coronavirus wie jeden unbekannten, gefährlichen Eindringling: Es versucht ihn abzuwehren und gleichzeitig eine adaptive Immunantwort zu entwickeln. Die körpereigene Immunabwehr schickt aus dem Blut und dem Lymphsystem Granulozyten und Plasmaproteine (Signalproteine) zur Bekämpfung des Virus herbei. Die Signalproteine sind Interferone, die allerdings manche Coronaviren unterdrücken können. Das SARS-CoV-1-Virus hat das geschafft. Es war das Virus der SARS-Epidemie im Jahr 2003. Diese Antwort des Virus auf die Immunantwort hat die Heilung verzögert, aber nicht verhindert, weil unser Immunsystem findiger als der Angreifer war. Ob die SARS-CoV-2-Viren des Jahres 2020 ähnlich funktionieren, weiß man mit Stand 14. April 2020 noch nicht genau. Derzeit wird an der künstlichen Herstellung von Interferonen für eine Coronatherapie gearbeitet. Gleichzeitig forschen Wissenschaftler weltweit an Mitteln, welche eine adäquate, also angemessene Immunantwort gegen SARS-CoV-2 ermöglichen. Es wird nämlich vermutet, dass ein Teil der lebensbedrohlichen Lungenbeschwerden auf eine überschießende Immunantwort zurückzuführen sind. Dann hätte die gegenwärtige Coronaerkrankung teilweise den Charakter einer Autoimmunerkrankung. Gegen diese gibt es aber Mittel, die nur an das gegenwärtige Krankheitsbild angepasst werden müssen.

Warum ist die Coronaerkrankung bei Patienten so unterschiedlich?

Das hängt offenbar mit drei Faktoren zusammen:

  • Erstens: Manche Menschen sind gesünder als andere, ihr Immunsystem und der gesamte Organismus sind stärker. Für diese These spricht, dass mehr ältere Patienten mit Vorerkrankungen an Corona versterben als junge, gesunde Personen. Daher sind die Tipps zur Stärkung des Immunsystems grundsätzlich richtig und wichtig.
  • Zweitens: Der unterschiedliche Krankheitsverlauf kann auch am schon vorhandenen „Wissen“ eines individuellen Immunsystems zur Abwehr von Viren und speziell von Coronaviren zusammenhängen. Es existieren in Deutschland neben SARS-CoV-2 (auch: Covid-19) noch vier weitere, harmlosere Coronavirenstämme. Darauf wies Prof. Dr. Christian Drosten von der Berliner Charité Ende März 2020 hin. Diese Coronaviren haben alle ähnliche Merkmale wie diesen typischen Strahlenkranz (die „Corona“), die auch ein Ansatzpunkt für die Bekämpfung durch das adaptive Immunsystem (und durch Medikamente) sind, denn die Corona lässt sich angreifen, was das Virus killen dürfte. Möglicherweise hat das Immunsystem von Patienten mit einem sehr milden Krankheitsverlauf schon unbemerkt andere Coronaviren abgewehrt und kennt den neuen Angreifer daher besser. Das ist eine sehr vorläufige Hypothese.
  • Drittens scheint das Ausmaß der Virenbelastung entscheidend für das Ausmaß der Erkrankung zu sein. Sowohl Ärzte und Pfleger im Krankenhaus (unter denen es schon einige Todesfälle gab) als auch der britische Premier Boris Johnson, der relativ schwer erkrankt war, sind und waren einer enormen Virenbelastung ausgesetzt. Johnson hatte im Krankenhaus Coronapatienten die Hände geschüttelt. Andere Personen haben vielleicht nur eine geringe Dosis abbekommen und sind daher nur leicht erkrankt. Mit den wenigen Viren wurde ihr Immunsystem schneller fertig.

Wenn das Immunsystem eine adaptive Antwort ausbildet: Sollten wir dann nicht doch auf die „Herdenimmunität“ setzen?

Diesen Gedanken gibt es schon länger. Er wird immer wieder aufgegriffen und auch immer wieder verworfen. Eine gezielte „Durchseuchung“ etwa der jüngeren, vermeintlich nicht so gefährdeten Bevölkerung gilt aber als ethisch nicht vertretbar. Darauf wies wiederum Prof. Drosten Anfang April 2020 hin. Er äußerte sich in seinem viel beachteten Podcast dazu: Wenn wir die jungen Leute alle infizieren wollten, so der international anerkannte Virologe, müssten wir sie ganz sicher zunächst fragen, ob sie das auch wollen. Immerhin gab es auch schon sehr junge Todesopfer. Letzten Endes könnte aber die genannte Herdenimmunität von allein einsetzen – wenn das Virus nicht eingedämmt werden kann und sich dann unweigerlich 60 bis 70 Prozent der Weltbevölkerung damit infizieren. Damit wäre die Herdenimmunität erreicht. Ob dieser Zustand erstrebenswert ist, lässt sich unter sozialpolitischen, ökonomischen und medizinischen Gesichtspunkten sehr unterschiedlich beurteilen. Zweifellos würde bis zum Grad dieser Durchseuchung in Ländern mit einem unterentwickelten Gesundheitssystem ein Massensterben einsetzen, gegen das die gegenwärtigen Verhältnisse in den USA und Italien vergleichsweise harmlos wirken würden. Dieses Szenario ist keinesfalls abwegig. Die Pest hat im Mittelalter in manchen Regionen über die Hälfte der Bevölkerung ausgerottet.